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Rechtsschutzversicherung rückwirkend abschließen – geht das?

Die Vorstellung ist für viele Verbraucher verlockend: Ein Anwalt wird benötigt, es kommt zum Gerichtsverfahren und es gibt die Möglichkeit, dass die Rechtsschutzversicherung sofort leistet. Leider entspricht diese Wunschvorstellung nicht in diesem Umfang der Realität. In diesem Ratgeber sagen wir dir, wann und ob eine Rechtsschutzversicherung rückwirkend abgeschlossen werden kann.

Die Wartezeit als wichtige Voraussetzungen für den vollen Versicherungsschutz

Wenn du eine Rechtsschutzversicherung abschließt, musst du in der Regel immer mit einer Wartezeit von mindestens drei Monaten rechnen, bis zum Beispiel die Kosten für eine gerichtliche Auseinandersetzung übernommen werden können. Sieht dein Tarif grundsätzlich Wartezeiten vor, ist eine rückwirkende Leistung der Rechtsschutzpolice ausgeschlossen. Selbst bei einer Rechtsschutzversicherung ohne Wartezeit ist eine rückwirkende Leistung nicht möglich. Eine Kostenübernahme durch die Rechtsschutzversicherung erfolgt bei vertraglich vorgesehener Wartezeit nur dann, wenn der Rechtsfall nach Abschluss des Vertrags und der Karenzzeit eingetreten ist.

Abschließen kannst du eine Rechtsschutzpolice jedoch immer, auch bei laufenden Prozessen. Doch mit einer rückwirkend angesetzten Leistung kannst du nicht rechnen!

Wann ist Rechtsschutz rückwirkend möglich?

Es gibt nur sehr wenige Policen, die einen rückwirkenden Rechtsschutz anbieten. Diese Leistungen sind auf wenige Rechtsbereiche beschränkt und an bestimmte Voraussetzungen gebunden.

Eine Möglichkeit für einen nachträglich greifenden Rechtsschutz gibt es zum Beispiel in Ausnahmefällen bei der Verkehrsrechtsschutzversicherung. In diesem Bereich deckt die Rechtsschutzpolice bestimmte Unfälle oder Ordnungswidrigkeiten im Straßenverkehr ab. Wenn ein Verkehrsteilnehmer zum Beispiel Widerspruch einlegt, weil er einen Strafzettel wegen Überfahrens einer roten Ampel erhalten oder er sich nicht an ein Tempolimit gehalten hat.

Damit wird deutlich, dass ein rückwirkender Versicherungsschutz bei Rechtsschutzpolicen nur in sehr begrenztem Rahmen möglich ist. Dieser Rahmen wird nochmals eingegrenzt, da die entsprechenden Versicherer vor der Deckungszusage ein Gespräch mit dem Versicherungsnehmer führen. Ergibt das Gespräch, dass die Erfolgsaussichten beim Widerspruch gegen eine Ordnungswidrigkeit gering sind, wird die Versicherungsgesellschaft auch diese rückwirkende Leistung ablehnen.

Üblich: Leistung nur für Fälle, die sich während der Vertragslaufzeit ereignen

Der überwiegende Teil der Rechtsschutzversicherungen funktioniert so, dass die Versicherung nur für Fälle aufkommt, die während der Vertragslaufzeit entstehen. Also erst dann, wenn du eine Police abgeschlossen hast und eine mögliche Wartezeit abgelaufen ist, kannst du die Leistungen in Anspruch nehmen; sofern sich der „Versicherungsfall“ erst in diesem Zeitraum ereignet hat.

Das gilt sowohl für Vertragsrechtsschutz als auch für Steuerrechtsschutz oder Berufsrechtsschutz. Gehst du zum Beispiel gegen einen Arbeitgeber vor, weil er dich in deinen Augen zu Unrecht gekündigt hat, kann eine danach abgeschlossene Rechtsschutzversicherung für Berufsrecht nicht weiterhelfen. Gleiches gilt, wenn du zum Beispiel ohne Führerschein gefahren bist und ein Gerichtsverfahren droht. Die Rechtsschutzversicherung kann nicht rückwirkend eingesetzt werden.

Wäre eine rückwirkende Rechtsschutzversicherung wirklich sinnvoll?

Eine rückwirkende Rechtsschutzversicherung ist für Versicherer mit einem hohen Risiko verbunden. Würden sie Antragsteller sofort annehmen und eine Deckung für bereits laufende Prozesse übernehmen, müsste die Versicherungsgesellschaft sofort leisten, ohne dass der Versicherungsnehmer Beiträge gezahlt hat. In diesem Fall ginge die Versicherung in Vorleistung. Das würde die gesamte Kalkulation der Versicherung durcheinanderbringen. Würden besonders viele Kunden den rückwirkenden Versicherungsschutz in Anspruch nehmen, wäre die Versicherung nicht mehr wirtschaftlich zu führen.

Für die Verbraucher hätten entsprechende Tarife ebenfalls gravierende Konsequenzen. Denn aufgrund des hohen Versicherungsrisikos würden die Prämien für den Rechtsschutz exorbitant steigen. Die Preise dieser „Superpolice“ stünden dann in keinem Verhältnis mehr zu den gängigen Rechtsschutzversicherungs-Kosten. Zugleich müssten die Versicherungsgesellschaften die Versicherungsnehmer zu einer langen Vertragslaufzeit verpflichten, um das Risiko zusätzlich zu kompensieren. Damit wärst du als Verbraucher sehr unflexibel, wenn du deine Rechtsschutzversicherung wechseln willst.

Wer eine Rechtsschutzversicherung rückwirkend für Verkehrsordnungswidrigkeiten nutzen möchte, sollte die Mehrkosten dieser Tarife ebenfalls ins Verhältnis zu den tatsächlichen Kosten für Verkehrsordnungswidrigkeiten setzen. Üblich sind Kosten von rund 200 Euro pro Jahr für den zusätzlichen Schutz. Bei einer Laufzeit von drei Jahren kommen so 600 Euro an Entgelten zusammen. Selbst ein Rotlichtverstoß mit Sachbeschädigung bedingt ein Bußgeld von 320 Euro sowie einen Punkt in Flensburg. Damit sind die Mehrkosten nicht erreicht. So kann es sinnvoller sein, das Ordnungsgeld zu akzeptieren, anstatt die teurere Police zu wählen.

Welche Bausteine sind meist ohne Wartezeit nutzbar?

Rückwirkende Rechtsschutzversicherungen sind in vollem Umfang nicht möglich. Dafür kannst du jedoch Rechtsschutzbausteine ohne Wartezeit nutzen. Diese gelten zwar nicht für bereits eingetretene Fälle, dafür musst du nicht mehrere Monate warten, um die Versicherungsleistungen in Anspruch zu nehmen. Diese Tarife können sich lohnen, wenn du ahnst, dass es in Kürze zu Rechtsstreitigkeiten kommen könnte.

Eine Rechtsschutzversicherung ohne Wartezeit ist für folgende Bereiche möglich:

  • Beratungsrechtsschutz bei Erb- und Familienrechtsstreitigkeiten: Hier übernehmen Komforttarife zum Beispiel die anwaltliche Erstberatung in einem festgelegten Kostenrahmen.
  • Rechtsschutz zur Interessenwahrnehmung: Diese Policen kannst du zum Beispiel bei Rückfragen zu Leasing- oder Kaufverträgen unterstützen.
  • Standes- und Disziplinar-Rechtsschutz: Mit einem solchen Baustein bist du bei aufkommenden Fragen zum Dienstrecht sofort geschützt.
  • Schadensersatz-Rechtsschutz: Möchtest du Schadensersatz fordern, bist du bei juristischen Streits in bestimmten Policen sofort abgesichert.

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